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Tilla im Spiegel

Kapitel aus dem Roman "Tilla" von Spomenka Štimec. Aus dem Esperanto von Will Firth

Tilla im Spiegel

Nach dem Besuch bei Zlata im Garten kontrollierte Tilla zu Hause als Erstes im Bad, ob sie sich nicht zufällig eine Zecke eingefangen hätte. Mit einem kleinen Spiegel in der Hand fing sie an, ihre Achselhöhlen absuchen; die anderen weichen Körperteile sollten folgen. Kein Maler, der sie porträtiert hätte, hatte sie jemals so genau betrachtet. Sie versuchte mit dem Blick in jedes Körperfältchen einzudringen. Im fremden Bad unter einer Lampe, die eher Schatten als Licht spendete, hielt Tilla vor dem Spiegel mit ausgestrecktem Hals einen Körperteil nach dem anderen ans fahle Licht.

Mit erhobenem Arm dachte sie an die Birke im Garten in Wien, zu der sie nach der Schule immer gelaufen war, um ihr von den morgendlichen Unterrichtsstunden zu erzählen. Die Birke, sie, hörte Tilla viel geduldiger zu als Mama oder Papa und ermutigte sie. Die Birke ließ Tilla spüren, dass sie Recht hatte: jedem, der sie gekränkt hatte, würde morgen verziehen. Damals war es für Tilla wichtig, Recht zu haben. Während sie vor der Birke stand, den Arm zu ihr erhob und die Blätter auf dem oberen Ast berührte, streichelte der Wind sanft ihre Achselhöhlen. Tilla war ein Augustkind und liebte den Wind auf der Haut.

Nach dem Wind bei der Birke fiel es nicht schwer, mittags Wind zu essen. Als das zwanzigste Jahrhundert noch in den Kinderschuhen steckte, mussten die Schauspielerinnen die Kostüme für ihre Rollen am Theater selbst mitbringen. Die Mutter, die ihr Kind bei der Idee Schauspielerin zu werden, spontan geohrfeigt hatte, begleitete es zu seinem Debüt im mährischen Olmütz. Bei den Ausgaben für Textilien geizte sie nicht. Nur beim Essen. Ihr ganzes Erspartes gab sie dem Textilhändler, für das Essen blieb kaum etwas übrig. Ihre schmalen Taillen verdankten Tilla und ihre Mutter vor allem dem Hunger.

Dieser hielt die ersten Theaterjahre an. Die Mutter bestand dann doch nicht mehr darauf, den Beruf zu wechseln. Belgische Pralinen und Gänseleberpastete brachte Tilla erst in den letzten Lebensjahren der Mutter nach Hause. Die freute sich über die Mitbringsel sosehr, als wären sie mit Tillas ersten Gehältern aus der Epoche des Windes verdient worden.

Nirgendwo war der Wind so schön, wie hoch in der Luft. Tilla flog für ihr Leben gerne. Als die Rumpler-Brüder ihr erstes Flugzeug erprobten, war sie der erste Testfluggast.

Es gab niemand, dem sie sich traute, ihre Liebe zum Fliegen zu gestehen. Aber als Paul an jenem Abend fragte, was ihr größter Wunsch sei, zögerte sie nicht, das Geheimnis zu lüften.

Die Antwort gefiel ihm.

“Wir werden fliegen”, sagte er nachdenklich und küsste sie. An diesem Abend hatten seine Küsse einen Hauch von hellen Wolken. Den nächsten Samstag flogen sie. In einem Heißluftballon. Schon eine Stunde vor dem Start war sie bereit, um neun Uhr, in ihrem kecken Kostüm. Er saß neben ihr, sein Arm um ihre Schultern, hinter dem Rücken des Piloten, der die Seile des Ballons bediente. Unten lag die Erde. Wind blies ihnen ins Gesicht. Drei Samstage hintereinander flogen sie, danach kam Sturm auf und sie mussten eine Pause machen.

Einmal nach einer Theateraufführung in München kam ein Telegramm: “Nimm sofort den Zug nach Berlin”. Eine Überraschung erwartete sie dort. Das war schon etwas Einmaliges: Paul hatte eine besondere Ballonfahrt für sie organisiert. Er hatte einen Sinn für extravagante Geschenke. Das beeindruckendste war sicherlich das Portraitsitzen bei Renoir. Doch in den ersten Jahren ihres gemeinsamen Lebens begleitete er sie, um zuzusehen, wie sie genoss.

Seit der Zeit der Birke war es ihr Traum, im Ballon zu fliegen. Vor Paul konnte sie das niemandem sagen. Er verstand es sofort und sie flogen oft, es war für sie beide die absolute Freude. Einen Unfall beim Fliegen gab es nur einmal. Damals, als sein Bruder im Ballon mitflog.

Der Spiegel erzitterte in ihrer Hand als sie sich an den Absturz des Ballons über einem tschechischen Dorf erinnerte, an das plötzliche Gefühl, den sich immer schneller nähernden Boden zu sehen und sich in keiner Weise schützen zu können. Zum Glück brach sich bei diesem Absturz niemand etwas, aber alle drei Insassen trugen Quetschungen davon. Tilla legte den Spiegel weg, um die heranrasende Erde nicht wieder sehen zu müssen.

Und jetzt, viele Jahre und Tode nach dem Absturz des Ballons, mit dem kleinen Spiegel in der Hand, suchte sie nach der Zecke, die sich anscheinend doch nicht eingenistet hatte, und betrachtete sich dabei mit den Augen aller Maler, die sie porträtiert hatten. Das erste berühmte Porträt mit Tilla als Salome. Oder 1907 als Max Slevogt sie malte. Mit einem Band im Haar. Leicht und beschwingt war der lockere Pinsel des Künstlers.

Im Fotostudio spürte sie die Wärme des Scheinwerfers an der Wange. Schenker, der Fotograf, machte sechs Porträts für eine Tilla-Durieux-Bildkartenreihe. Die Karten waren braun getönt. Tilla mit topfförmigem Hut. Tilla mit nackten Schultern und Bubikopf. Die Fransen des kurzen Rocks kitzelten sie am Knie während der Fotograf sich unter dem schwarzen Tuch seines Fotoapparats verbarg. Die ersten Bildkarten unterschrieb sie für die Menschen, die sie begrüßt hatten, als sie ein Restaurant in der Bleibtreustraße betrat.

“Wären Sie so freundlich?”, fragte ein junger Mann, der an ihren Tisch herantrat. Sie verstand zunächst nicht, was er wollte, als er Bildkarten mir ihren Porträts aus der Tasche zog. Die sollte sie unterschreiben.

Sie war nicht nur das erste Mal überrascht, als man sie um ein Autogramm bat.

Ihre Mutter, die die Angst vor der Armut nach dem Tod des Vaters fast in den Wahnsinn trieb, hatte sich nur einen Beruf für Tilla vorstellen können: Klavierlehrerin. Ewige Klavierstunden. Um sie zu ertragen, dachte sich Tilla etwas aus: Auf den Tasten marschierten Zwerge. Die ersten laufen langsam, jetzt gehen sie schnell, einer rennt mit dem Korb, die anderen folgen, schnell, schneller, rapidissimo.

Als Tilla der Mutter eröffnete, sie möchte – nun ja – Schauspielerin werden, quittierte Mutter das instinktiv mit einer Ohrfeige. Jetzt würde Mutter gerne den jungen Mann sehen, der sich im Restaurant in der Bleibtreustraße demütig näherte und fragte, ob jetzt ein geeigneter Moment wäre, die große Schauspielerin um ein Autogramm zu bitten. So viele Klavierstunden – und Tilla war doch keine Klavierlehrerin geworden.

Eine zweite Ohrfeige gab es von ihrer Mutter nicht. Sie willigte ein: Tilla möge ein Jahr lang eine Theaterausbildung machen, dann würde man sehen. Mit slawischer Impulsivität bemühte sie sich, ihre Tochter von den Hirngespinsten der Kunst zu schützen. Warum wollte die Tochter eines Chemikers nicht etwas Anderes, Realistischeres? Ende des neunzehnten Jahrhunderts standen nicht gerade viele weibliche Berufe zur Auswahl. Vielleicht wollte die Mutter sich selbst retten.

Damals im Elternhaus unterhielt sich Tilla gerne mit dem Kachelofen in der Stube. Der Ofen war verständnisvoll, er gab Mut, bejahte, verneinte, warnte. Es reichte, ihn fest anzublicken und die Frage sich selbst zu stellen.

Wenn jemand in die Stube kam, drehte sie dem Ofen schnell den Rücken zu, um ihre Verbindung nicht preiszugeben. Es wäre schrecklich verdächtig, wenn man erzählen würde, sie unterhalte sich mit Gegenständen.

Als es auf die erste Inszenierung zuging, erinnerte sie sich an die Ohrfeige und wollte ihrer Familie einen Skandal ersparen. Sie sollte unter einem anderen Namen auftreten, nicht dem wahren Namen der Familie. Sie möge heißen, sie möge heißen ... Die Fantasie schweifte nicht allzu weit: Sie trug den französischen Nachnamen ihres Vaters, eines Hugenotten. Für das erste Theaterprogramm, für die Rolle eines Knaben aus Tirol, wählte sie den Vornamen ihrer französischen Großmutter. So wurde sie Tilla Durieux; den Namen wählte sie so wie sie sich einen Hut wählen würde. Der Name musste gut sitzen. Er saß, ohne zu welken, Jahrzehnte lang.

Tilla drehte den Spiegel. Er machte ein rundes Zeichen an der Decke. Keine Zecke war zu finden. Tilla zog sich das Nachthemd über und kehrte fröhlich zu Lutz zurück. Er bemerkte gar nicht, dass sie – über seine Berechnungen hinweg – inzwischen wieder im Ballon schwebte.

Kapitel aus dem Roman "Tilla" von Spomenka Štimec, Edistudio, Pisa 2002 (179 Seiten)

Aus dem Esperanto von Will Firth


Lasta ĝisdatigo: 2011/05/12 - 16:14 - © EVA - Mauro Nervi
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